der Verlassenheit oder dem Vergehen der Zeit. Sie verschleiern dabei nicht ihre Gemachtheit, sie erzeugen nicht die Illusion, mit der Realität identisch zu sein, sondern legen ihren Als-ob-Charakter offen. Gerade dieser offen gelegte Abstand zur Realität ermöglicht es dem Betrachter, sich einzuschalten, seine eigene subjektive Erinnerung und Imagination ins Spiel zu bringen. Insofern funktionieren ihre Bilder wie Bühnen der Erinnerung: Sie wecken Erinnerungen an eine Zeit, an Orte, ohne diese tatsächlich zu bestimmen, stellen Kulissen für multiple Möglichkeiten des eigenen Erinnerns dar. Das Erinnern ist immer auch ein performativer, theatraler Vorgang, insofern es eine Situation vorstellt, die selbst abwesend bleibt. Die Metapher des Raums steht üblicherweise für die Kontinuität der Erinnerung, so wie die Räume von Anna Lehmann-Brauns gerade in ihrer Statik die Vergangenheit bis ins Jetzt zu konservieren scheinen. Die Metapher der Zeit hingegen steht für den Verfall und das Vergessen, für die Unverfügbarkeit von Erinnerung, die Abwesenheit des Erinnerten. Die Leere und die Fühlbarmachung der Zeit in den Bildern Anna Lehmann-Brauns’ machen diese Abwesenheit erfahrbar, auch wenn die Räume Erinnerung zu materialisieren scheinen. Sie stellen jedoch nur ein Gerüst dar, das einen Erinnerungsprozess in Gang setzt, die momenthafte Illusion eines Gefühls, einer Atmosphäre erzeugt, die uns sogleich wieder entgleitet und uns mit der vergehenden Zeit allein zurück lässt.
Die Räume spielen mit der Wahrnehmung des Betrachters. Ein theatraler Raum ist gekennzeichnet durch die Kopräsenz von Akteuren und Zuschauern in einer gemeinsamen Raumzeit, er wird strukturiert sowohl durch die Produktion, also die Aktionen, Bewegungen der Darstellenden und anderer Theatermittel, als auch durch die Rezeption und die Wahrnehmung der Zuschauenden. Fotografien können mithin nicht ohne Weiteres mit theatralen Räumen gleichgesetzt werden, da die Gleichzeitigkeit von Produktion und Rezeption hier nicht gegeben ist. Dennoch haben die Räume von Anna Lehmann-Brauns auch hinsichtlich der durch sie angebotenen Wahrnehmungsdisposition theatrale Qualitäten, denn sie rufen gerade durch ihre Leere das Subjektiv-Imaginäre beim Betrachter auf. Sie sind wie der Anfang einer Geschichte, bei der das Setting steht, aber die Handlung fehlt, denn narrativ sind ihre Bilder nicht. Wohl bieten die Räume mit ihrer jeweiligen spezifischen Ausstattung narrative Potenziale, sie scheinen auf einen konkreten Ort und eine konkrete Zeit