Erinnerungen des einzelnen Betrachters offen. Die Melancholie in Anna Lehmann-Brauns’ Bildern spricht nicht so sehr von einer konkreten Vergangenheit als vielmehr von der vergehenden Zeit, die uns mit unseren Erinnerungen und unserer Vergänglichkeit allein zurück lässt.
Um die Frage der Erinnerung geht es auch in einer frühen Serie der Fotografin, Bitterblue, für die sie Modelle in Puppenhausgröße gebaut und fotografiert hat. Bei den meisten dieser Bilder wird dem Betrachter ihr Modellcharakter erst bei genauerem Hinsehen bewusst, auf den ersten Blick meint man, Fotografien realer Räume vor sich zu haben. Es sind tatsächliche Bühnen der Erinnerung, gebaut nach erinnerten Räumen aus Kindheit und Jugend der Fotografin, durch ihre Modellhaftigkeit in die Schwebe gebracht zwischen Realität und Fiktion – so wie jede Erinnerung mehr ein Erfinden denn ein Wiederfinden ist. Durch den Puppenstubencharakter scheint hier der Betrachter unmittelbar aufgerufen zu sein, in den Räumen mit den eigenen Erinnerungen zu spielen.
Der Prozess des Erinnerns stellt einen Versuch dar, das Vergangene zu vergegenwärtigen, und muss als solcher immer scheitern. Die Erinnerung geschieht aus einem Verlust heraus, die Melancholie, die den Bildern Anna Lehmann-Brauns’ innewohnt, hängt mit der Sichtbarmachung dieses Verlustes zusammen. Es ist aber auch eine Melancholie, die in der Einsamkeit der Bilder, der Verlassenheit der Räume begründet liegt. Hotel Schatzalp (2004) beispielsweise wirkt wie ein Raum, der auf das Vergehen der Zeit wartet und längst von ihr vergessen wurde. Hoch über den Bergen scheint dieser Raum mit seinem spiegelnden Boden zu schweben, die Sessel schwerelos wie von einer anderen Welt, erhaben und unendlich isoliert zugleich. Stillstand und Einsamkeit, herausgefallen aus der Zeit und jedwedem gesellschaftlich-historischem Kontext. Eine passende Kulisse für Thomas Manns Zauberberg vielleicht, eine in sich geschlossene Welt, in der die Zeit ein Vergehen auf den Tod zu ist.
Künstlerische Ausformungen der Melancholie über die Jahrhunderte haben immer wieder ein spezifisches Verhältnis von einzelnem Menschen und Raum zum Ausdruck gebracht, beziehungsweise die Verlassenheit des Menschen im Raum oder die Sinnentleertheit des den Menschen umgebenden Raums. Die Räume, die Anna Lehmann-Brauns fotografiert, sind auf die Nutzung durch den Menschen, durch viele